Kritik am Begriff „Islamismus“ in der ZEIT: Jeder blamiert sich, so gut er kann
von Thomas Baader
Peinlich: Auf der Website der ZEIT wird ein unausgegorener und sachlich falscher Leserartikel von Florian Große veröffentlicht. Die krude darin geäußerte Theorie: Die Verwendung des Begriffes „Islamismus“ diskreditiere den Islam. Das Bizarre daran ist, dass Islamkritiker schon seit langem die Ansicht vertreten, der Begriff „Islamismus“ entlaste den Islam moralisch, weshalb sie ebenfalls darauf drängen, von der Verwendung dieses Wortes abzusehen.
Zu Beginn des Artikels lesen wir: „Wer an Islamisten denkt, denkt unweigerlich an Attentäter und Terroristen, schreibt Florian Große.“ Nun ist der Islamismus aber in der Tat definiert als eine menschenfeindliche radikale Ideologie, die in großer Zahl Attentäter und Terroristen hervorbringt – die Assoziation ist also nicht verwerflich, sondern naheliegend, so wie es eben auch naheliegend ist, bei dem Wort „Nazi“ an Vernichtungskrieg und Gaskammern und bei dem Wort „Mafia“ an Verbrechen und Gewalt zu denken. Nun hätte es den Leser sicherlich nicht überrascht, wenn Große kritisiert hätte, dass mit dem Wort „Islam“ (und eben nicht „Islamismus“) Attentate und Terrorismus assoziiert werden. Aber die Kritik an einem Begriff, dessen Existenz der muslimischen Religion vermutlich doch eher nützt als schadet, erscheint wirr und unlogisch.
Das Interessante dabei ist schließlich, dass die Kritik am Begriff „Islamismus“ bislang keineswegs von Apologeten wie Florian Große kam, sondern vielmehr von Islamkritikern wie beispielsweise dem Orientalisten Tilman Nagel. Für letzteren ist die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus „ohne Erkenntniswert“. Eine ähnliche Haltung wie Nagel vertreten auch zahlreiche andere bekannte Autoren und Wissenschaftler. Sie sehen allesamt, wenn auch mit unterschiedlichen Nuancierungen, in dem Begriff „Islamisierung“ eher eine Verschleierung der wahren Zusammenhänge: Denn dadurch, dass alle Missstände im muslimischen Kulturkreis allein dem Islamismus angelastet würden, sei der vom Islamismus angeblich völlig verschiedene Islam entlastet. Dass es keinen entsprechenden Begriff „Christianismus“ gebe, sei also nicht, wie Große das nahelegt, eine Bevorzugung des Christentums, sondern eine Benachteiligung. Radikale Anhänger des Christentums erscheinen im allgemeinen Sprachgebrauch immer noch als Christen, radikale Anhänger des Islam hingegen nicht als Moslems, sondern als Islamisten. Für keine andere Religion existiere für ihre radikalen Strömungen ein gesonderter Begriff, lediglich für den Islam habe man eine erfunden, damit sich die Religion als Ganzes nicht beleidigt fühlen brauche und eben gerade nicht diskreditiert werde. Und in der Tat: Wenn man doch einfach sagen könnte, für Hexenverbrennungen und Kreuzzüge früherer Zeiten hätten nicht etwa Christen, sondern stattdessen sogenannte „Christianisten“ die alleinige Verantwortung zu tragen – käme das nicht einem moralischen Freispruch des Christentums gleich? Und da will Florian Große im Nichtvorhandensein des Begriffes „Christianismus“ allen Ernstes einen Vorteil für das Christentum sehen?
Vor diesem Hintergrund erscheint Großes Artikel, der diese Sachverhalte völlig auf den Kopf stellt, mehr als nur merkwürdig. Auch greift der Verfasser auf zahlreiche Argumentationsmuster zurück, denen wenig Überzeugungskraft innewohnt. So heißt es beispielsweise: „Das Wort klang wissenschaftlich und hatte eine bedrohliche Endung, die fatal an Terrorismus, Faschismus und Kommunismus erinnerte.“ Dass die Endung „-ismus“ sich auch in Wörtern wie „Humanismus“, „Feminismus“, „Liberalismus“, „Atheismus“ und „Idealismus“ findet – also in Wörtern, die von vielen Zeitgenossen keineswegs als bedrohlich wahrgenommen werden –, scheint Große bislang noch nicht aufgefallen zu sein.
Warum irgendwer bei der ZEIT den Große-Artikel für einen derartigen Geniestreich hält, dass er sich für eine Veröffentlichung lohne, werden wir vermutlich nie erfahren. Es ist der Artikel eines offensichtlich Sachunkundigen, der seltsamerweise einen Begriff, der als Bezeichnung für religiöse Fanatiker dient, für eine „unverzeihliche Beleidigung für all jene, die friedlich ihren Glauben leben“, hält. Was an dieser Schlussfolgerung logisch sein soll – auch das werden wir vermutlich nie erfahren. Und ob das Wort „Islamismus“ ein Unwort ist, wie Große meint, ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend sind die mit dem Begriff in Verbindung stehenden Untaten. Denn das Bezeichnete, nicht die Bezeichnung, sollte das eigentliche Objekt seiner Empörung sein.
Link zum Artikel in der ZEIT:
http://www.zeit.de/gesellschaft/2011-11/leserartikel-unwort-islamismus
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