Butterwegge widerlegt sich selbst
von Thomas Baader
Man hat sich in den letzten Jahren angewöhnt, hellhörig zu werden, wenn jemand eine Formulierung verwendet wie "Ich möchte das jetzt auf keinen Fall verharmlosen, aber..." Denn oft möchte der Sprecher in Wahrheit genau das tun, was er mit dieser Formulierung gerade noch abstreitet.
So auch Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge beim Philosophieren über Links- und Rechtsextremismus: Es sei etwas anderes, wenn man staatliche Repräsentanten in gepanzerten Fahrzeugen angreife oder ob es sich um wehrlose Migranten handele.
Sicher, irgendwie ist das tatsächlich etwas anderes. Es ist ja auch etwas anderes, ob man einen Menschen mit bloßen Händen erwürgt oder ihm die Kehle durchschneidet. Fraglich wird die ganze Sache aber genau dann, wenn jemand bei zwei verschiedenen Bluttaten auch eine Differenz hinsichtlich der moralisch-ethischen Wertigkeit ausgemacht haben möchte - und zwar abhängig allein von der Person des Opfers.
Dass die Opfer der RAF nicht alle in gepanzerten Wagen saßen, als sie ihr Schicksal ereilte, und dass ein von Linksterroristen hingerichteter Chauffeur kaum als "staatlicher Repräsentant" gelten kann, sei an dieser Stelle auch erwähnt, wie man sich auch fragen darf, ob Hanns-Martin Schleyer in dem Moment, als man ihm nach langer Gefangenschaft in den Hinterkopf geschossen hat, nicht ebenso wehrlos gewesen ist wie die erwähnten Migranten. Der eigentliche springende Punkt aber ist der folgende: Butterwegge übernimmt selbst völlig distanzlos linksextreme Denkfiguren, wenn er die Tötung eines vermeintlich "mächtigen" Menschen als weniger schlimm erachtet als den Mord an einem "Machtlosen". Um den letzteren ist es schade, um den erstgenannten schon hingegen etwas weniger schade. Einige würden hier wohl sogar zu "klammheimlicher Freude" tendieren.
Und hier wird die vehement abgestrittene Ähnlichkeit zwischen Links- und Rechtsextremismus überdeutlich. Beide kategorisieren menschliches Leben nach Wertigkeit. Beide kennen das Konzept des Mordes, der nicht weiter schlimm ist, weil es jetzt mal den richtigen trifft. Durch die Art und Weise der Argumentation, mit der Butterwegge also versucht, Parallelen zwischen Links- und Rechtsextremismus zu widerlegen, gelingt ihm genau das Gegenteil: Er betont vielmehr die vorhandenen Ähnlichkeiten. Er offenbart, ohne es zu wollen, dass rechtsextreme Denk- und Verhaltensmuster im linksextremen Spektrum keineswegs auf Gegensätze, sondern vielmehr auf inhaltliche Entsprechungen treffen. Butterwegge selbst erweist sich dadurch, dass er auf das Sprach- und Gedankeninventar des äußeren linken Randes zurückgreift, als lebender Beleg.
Aus psychologischer Hinsicht ist ein solches Verhalten sicherlich interessant: Welches persönliche Bedürfnis wird da befriedigt, wenn ein Mensch versucht, Gewalttaten herunterzuspielen, zu relativieren, zu verharmlosen? Hier ist ein Mechanismus am Werk, der sich auch bei Deutschen findet, die den Holocaust leugnen, oder bei Muslimen, die 9/11 für das Werk von Juden halten: Es entlastet moralisch. Der sich als links empfindende Butterwegge kann zweifellos ruhiger schlafen, wenn er sich einreden kann, dass die im Namen des Konzeptes "Links" verübten Verbrechen irgendwie die weniger furchtbaren gewesen sein sollen. Und hat der Holocaust nie stattgefunden oder war 9/11 ein Geheimprojekt des Mossad, können Deutsche bzw. Muslime erleichtert aufatmen und sagen: Gott sei dank, es hat nichts mit uns zu tun. Natürlich könnte man selbiges - eine Abrenzung zwischen sich selbst und der "mit uns" in Verbindung gebrachten Gewalt - auch auf eine viel glaubwürdigere Art erreichen, nämlich durch eine entsprechende inhaltliche Distanzierung, aber dies setzt die Fähigkeit zur selbstkritischen Auseinandersetzung voraus, die Butterwegge offenbar völlig abgeht.
Die Argumentationsweise Butterwegges ist hierbei gleichermaßen simpel wie perfide: "Wenn Linksautonome etwa Strommasten fällen, ist das etwas völlig anderes, als wenn Rechtsterroristen türkische Migranten umbringen." Er spricht eine Selbstverständlichkeit aus, sodass man ihm an dieser Stelle unmöglich widersprechen kann. Eine weitere Selbstverständlichkeit, die er natürlich nicht gesagt hat, wäre gewesen: "Wenn Neonazis Hakenkreuze an die Wand schmieren, ist das was völlig anderes, als wenn Linksradikale vorsätzlich versuchen, einen Polizisten in Brand zu setzen." Wir finden zweifellos auf beiden Seite eher harmlose und weitaus weniger harmlose Taten. Das Pseudoargument Butterwegges basiert auf der gleichermaßen berechnenden wie willkürlichen Selektion der Fallbeispiele.
Zuguterletzt die menschliche Seite: Man fragt sich, was in den Familienangehörigen der RAF-Opfer vorgehen mag, wenn sie die Aussagen Butterwegges lesen. Da philosophiert ein hochgradig ideologisierter Überzeugungstäter darüber, dass die Morde an Schleyer und all den anderen eine sehr viel erschütterndere Angelegenheit gewesen wären, wenn es sich bei den Betroffenen um Migranten gehandelt hätte. Ein weiterer Fall, wo der vielbemühte Aufstand der Anständigen wohl leider ausbleibt.
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